Ein Ferngespräch mit Christoph Amberger

About the making of the Codex Amberger, life changes, and Covid.

[The following is the transcript of a Zoom conversation between a long-time friend tasked with the unfortunate responsibilities of filling the pages of the annual association newsletter and FencingClassics’ head honcho Chris Amberger. Sorry, German only.]

Q: Lieber Amberger, ist lange her, daß wir uns letztes mal gesehen haben. Was sind das jetzt, zehn, zwölf Jahre?

A: Das haut hin.

Q: Beim letzten mal warst Du noch im Verlagswesen tätig, aber ich höre da gab es große Veränderungen.

A: Stimmt. Ich bin jetzt Staatsanwalt in Baltimore. Nicht DER Staatsanwalt, das ist hier ein gewähltes Amt, da gibt’s nur einen pro Jurisdiktion. Sondern lediglich Assistant State’s Attorney.

Q: Und das geht so ganz übergangslos?

A: Im Gegentum, das war eine tektonische Verschiebung in meinem Leben. Mußte auf meine alten Tage nochmal die Uni-Bank drücken, Jura studieren, Zulassungsprüfung machen, the whole shebang wie man so sagt.

Q: Und das mit, was, 50?

A: Ich war 48 am Studienanfang und mit 51 zugelassener Anwalt.

Q: Das ist ja doch beachtlich für so’n alten Mann!

A: Naja, failure was not an option.

Q: Und warum, wenn ich mal fragen darf?

A: Es gibt im Leben Knackpunkte, wo man mal aus dem Fenster kucken muß, sehn, wohin die Reise geht, und sich fragen, ob das nun wirklich das Ziel sein sollte, ob man mit dem rational Vorhersehbaren glücklich sein kann. Ich war nach über 20 Jahren im selben Geschäft zunehmend unzufrieden, weniger mit dem was ich machte als mit dem, was sich anbahnte, was von mir letztendlich erwartet werden würde. Glücklicherweise war ich recht wohlpositioniert, hatte den Luxus, mein berufliches Leben radikal ändern zu können. Und zum Glück war meine Frau dem nicht ungeneigt. 

Q: Und warum Jura?

A: Reines Kalkül. 2010 war ich mit meinem ältesten bei den Fechtmeisterschaften für ’ne Woche in Texas, hatte selber nur einen Event und fand mich der Hitze wegen im Hotelzimmer eingepfercht. Da machte ich mir eine Flow Chart, was ich kann, was ich nicht kann, was ich nie wieder machen möchte. Dann der Filter, welcher Job in den nächsten 20 Jahren nach China geht, welcher nach Pakistan outgesourced werden kann, was durch ein Computerprogramm ersetzt wird. Das ganze wurde durchgeschüttelt, und raus kam Rechtsanwalt. 

Q: Klingt spannend.

A: “Spannend” ist heute ein überstrapaziertes Adjektiv, “vielleicht nicht ganz uninteressant” wäre weniger malaprop.

Q: Immer noch der alte sehe ich…

A: Man tut was man kann.

Q: Und, hast Du den Wechsel bereut?

A: Noch nicht. In Hinsicht auf meine vorherige Karriere hat die Federal Trade Commission im Februar gerade meinen damaligen Standpunkt komplett validiert. Das machte es die ganze Sache wert.

Q: Du hast auch eine neue Veröffentlichung. Erzähl doch mal davon.

A: Ja, der Codex Amberger. Da bin ich allerdings nur Namensgeber und beitragender Autor. Der Herr Kollega Hagedorn ist da der Hauptverdächtige.

Q: Erzähl doch mal’n bißchen.

A: Naja, das ist alles schon etwas länger her. Vor gut 15 Jahren, so um 2005, fand ich in einem New Yorker Antiquariat ein gebundenes Fragment einer deutschen Fechthandschrift. Dieses kaufte ich kurzentschlossen für ein gutes Stück Geld und verbrachte die nächsten Jahre damit, den Kontext und die etwaige Autorenschaft zu ermitteln. Es handelt sich hierbei lediglich um ein gutes Dutzend von handgemalten Illustrationen, in der Hauptsache ohne Text, mit einer einzigen handschriftlichen Textseite zum Ringen. 

Die offensichtlichen Vorbilder dieser Illustrationen fand ich bei Egenolph und in den Prunkhandschriften des Paulus Hektor Mair, hier und da eine Parallele bei Paurnfeindt und den Dürer zugeschriebenen Handschriften. Also etwas aus dem künstlerischen-kampfsportlichen Goldenen Dreieck zwischen Straßburg, Augsburg, Nürnberg, definitiv aus dem 16. Jahrhundert.

Nach meinem Karrierewechsel und vor beginn meines Jurastudiums hatte ich etwas Zeit und befaßte mich etwas ernsthafter mit der Materie, trug analoge Illustrationen zusammen und muddelte mit dem Design herum. Es kam wenig bei raus, denn ich sah so einige Probleme im Konzept.

Q: Wie meinst Du das?

A: Naja, es sind halt nur die paar Seiten. Schön illustrierte Seiten, sicher, aber genug für einen Wandkalender, nicht für ein ganzes Buch. In Hinsicht auf die Parallelen in der Literatur schwebte mir eine Art Konkordanz vor, also Stück für Stück eine Gegenüberstellung aller Illustrationen, mit den entsprechenden Texten versehen. Und da gab es bei mir doch beträchtliche Wissenslücken.

Q: Wie das?

A: Naja, ist doch ganz klar. Ich bin Generalist, was eine Umschreibung für “konstitutionell ein fauler Hund” ist. Ich finde zwar die Fechtkünste der Renaissance interessant. Oder halt “spannend,” wie man das heute auf Neudeutsch nennt. Aber mein Hauptinteresse in den letzten Jahren war das deutsche und französische Stoßfechten, und hier wiederum das ursprünglich antagonistische, also das studentische Stoßfechten und Duell. Ich habe einen halbwegs ausreichenden Überblick über die Fechtsprache und Methodik der Renaissancefechtbücher, aber das reicht halt nicht, ein Buch zu füllen. Da muß der Fachmann ran.

Q: Und das war?

A: Dierk Hagedorn, ganz klar. 

Q: Kenn ich nicht.

A: Mußt Du auch nicht, solltest Du aber. Dierk ist DIE Kapazität in Sachen deutscher Fechthandschriften. Ich hab die Übersicht verloren, wie viele er inzwischen transkribiert und übersetzt hat. Und das nicht nur als Akademiker, sondern als Praktiker. Und dann natürlich sein grafisches Talent und akribische Aufmerksamkeit für’s Detail.

Q: Das Resultat spricht für sich, sag ich mal so.

A: Mehr als das, es hat wirklich alle meine Zielsetzungen bei weitem übertroffen. Es ist im Ansatz ein absolutes Unikat, hinsichtlich der Gegenüberstellung von Analogbildern und natürlich der Texte — wobei bei beiden beträchtliche Detailunterschiede hervortreten. Die natürlich nur dem Fechtfanatiker wichtig erscheinen.

Q: Das ganze ist auf Deutsch und Englisch. 

A: Richtig, das mußte so. Der amerikanische HEMA-Markt ist dominant im Vergleich mit dem europäischen, und Deutsch spricht ja sowieso kaum einer mehr.

Q: Vielleicht etwas übertrieben!

A: Ganz ehrlich, das ist ja der Witz bei der ganzen Sache. Das moderne HEMA ist eine amerikanische Erfindung. Ohne die amerikanischen Impulse aus den 90’er Jahren würde man in Europa hier und da noch Holzlatten aufeinanderhauen und das Ritterspiele nennen. Der Motor der Bewegung war und ist zum großen Teil immer noch Amerika oder zumindest Amerikaner. Das wäre in Deutschland beispielsweise nicht möglich gewesen.

Q: Wird das noch weitere Veröffentlichungen dieser Art geben?

A: Wird man sehen. Die Mair’schen Kodexe sind ja unglaublich umfangreich, da sehe ich doch beträchtliche Hindernisse, allein in der Materialbewältigung. Wie kann man technisch 500 Prunkillustrationen in ihren Kontext mit weiteren 500 allein aus den Mair-Kodizes nebeneinanderstellen, geschweige denn im gesamten Kontext. Das geht vielleicht rein visuell und digital als Video, aber doch kaum auf Papier.

Q: Und, wie verkauft sich der Amberger Kodex?

A: Muß ich sagen, ich hab keine Ahnung. Ich hab keinen finanziellen Anreiz an dem Buch, also auch keinen Überblick, welche Quantitäten sich bewegt haben.

Q: Das kling aber gar nicht nach Dir.

A: Ich bin halt ein Giver. Außerdem gibt’s für mich nix schlimmeres, als mit seinem letzten Buch monatelang tingeln zu müssen, um hier und da ein paar Exemplare zu verscherbeln. Das sagt einem vorher keiner, aber so sieht’s meistens aus. Wenn man mit einem Buch fertig ist, ist man fertig, damit rumrennen müssen um es wie sauer Bier an den Mann zu bringen ist immer etwas entwürdigend, finde ich.

Q: Interessant.

A: “Spannend,” meinst Du.

Q: Ach, nu hör mal wieder auf damit. Wie hast Du jetzt COVID verkraftet?

A: Kann da beim besten Willen nicht klagen. Hatte alle 3 erwachsenen Kinder zu Hause, genug Türen, die jeder hinter sich zumachen konnte. Gab zu essen und zu trinken und zu lesen und Taskmaster im Fernsehen. Ging mit meinem Hund ein paar Meilen am Tag, 3x die Woche Fechten, erst im Freien, dann in einem improvisierten Fechtsaal. Arbeit via VPN am Eßzimmertisch ist nun nicht besonders stimulierend, aber man hatte sie. Das hatten viele nicht.

Q: Naja schön, ich glaub das wär’s für dieses mal. Wann kommst Du wieder nach Deutschland?

A: Keine Pläne zur Zeit. Aber wahrscheinlich wenn der ganze Zirkus vorbei ist.

Q: Na denn noch alles Gute und viele Grüße an Deine liebe Frau!

A: Danke! Mach ich! Herzlichen Gruß zurück und bis bald!

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