Das Deutsche Hiebfechten vor dem europäischen Hintergrund

Trotz seiner heutigen Populär-Identifikation mit nationalistischen Strömungen ist das Hiebfechten der deutschen Studenten fest in europäische Traditionen eingebunden.

 

by J. Christoph Amberger

Während die Wehrgymnastik Hieb und Stich lehrte, bildete sich unter den Studenten der deutschen Universitäten die langlebigste Fechtvariante des 19. Jahrhunderts heraus: Aus technischer und fechtgeschichtlicher Hinsicht ist das moderne Schlägerfechten eine drastisch vereinfachte Variante eines Fechtsystems, das nach den Freiheitskriegen als “Deutsches Hiebfechten” Popularität erlangte.

Der Umstand, daß die Entwicklung dieses Deutschen Hiebfechtens fast zeitgleich stattfand mit der Wiederbelebung des nationalen Einheits-Gedankens und maßgeblich beeinflußt wurde von Männern mit ausgeprägten deutschnationalen Idealen, führte über die Jahrzehnte dazu, daß das studentische Schlägerfechten heute als “typisch deutsches” Phänomen angesehen wird. 

Bis in die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts war das Fechten der deutschen Studenten jedoch weitgehend identisch mit den Modewaffen und gängigen Fechtmethoden der jeweiligen Epoche… und damit eingebunden in die gehobene Populärkultur Europas. Zeitgenössische Illustrationen dokumentieren Studenten im Umgang mit Dussack und Schwert, Rapier und Dolch, und Galanteriedegen, jenachdem was zur betreffenden Zeit als standesgemäß empfunden wurde.

Bemerkenswert ist, daß sich die deutsche Fechtliteratur zwischen 1600 und 1780 hauptsächlich dem Stoßfechten widmete. Hier dominierten die Methoden der Italiener Salvatore Fabris und Ridolfo Capo Ferro – welche in unzähligen Übersetzungen, Adaptationen und Plagiaten bis weit ins 18. Jahrhundert populär blieben, bis sie um 1730 durch französische Fechtmethoden und Waffen überlagert und letztendlich verdrängt wurden. Lediglich das Kreussler’sche Stoßfechten – ebenfalls ursprünglich auf italienischen Methodiken basierend – entwickelte sich zu einer spezifisch “deutschen” Spielart, welche sich von etwa 1720 bis etwa 1900 landesweiter Popularität erfreute und bis um 1840 von den schlagenden Studenten Jenas und Leipzigs anstelle des Hiebfechtens betrieben wurde.

Bruch in der Tradition

Während die reiche Literatur der Stoßfechtkunst in Deutschland eine solide Grundlage für die Rekonstruktion von Kontinuitäten und transnationalen Parallellen und Einflüssen bietet, ist eine spezifisch deutsche, reine Hiebfechtschule nach 1600 nur apokryph in den mehr oder weniger gelungenen Plagiaten von Joachim Meyers Fechtbuch aus den 1570er Jahren zu rekonstruieren. 

Mit dem Verschwinden der öffentlichen Fechtschulen und der Wandlung der alten Fechtergilden zu Schützenvereinen bricht die Tradition eines Meyer’schen, “aus dem Bogen schlagenden” Hiebfechtens lange vor Ausbruch der Französischen Revolution ab. Findet man bis zum Anfang des 18. Jahrhunders noch Abbildungen von Dussak-Fechtern (mit zum teil beidseitigen Armstulpen und turbanartigen Kopfumwicklungen), die sich während der Fechtschulen der Marxbrüder und Federfechter blutende Platzwunden am Kopf beizubringen versuchten, dominiert doch in der standesgemässen Fechtliteratur der Studenten das Stoßfechten mit Rapier und, später, Galanteriedegen. 

An und für sich ist dies kein Wunder, gehörte doch der zierliche und relativ kurzklingige Degen zum standesgemässen Kostüm des “wilden, fluch- und raufenden” oder gar “gottlosen” Studenten, wie ihn Adam Wolfgang Winterschmidt 1764 in Der tugend- und lasterhafte Studente beschreibt. Der Degen war aber nicht nur Waffe des disreputierlichen studentischen Taugenichts, sondern auch Sympol gehobener gesellschaftlicher Stellung. Die schwereren geradklingigen Hiebwaffen hingegen (gerade diejenigen mit vollen oder halben Korbgefässen) waren Kriegswaffen, welche wegen ihrer Länge, ihres Gewichts und nicht zuletzt wegen der Sperrigkeit ihrer Gefässe kaum Eingang in die Garderobe von Zivilisten fanden.

Neben den französischen und italienischen Fechtschulen — zum Teil Plagiate, zum anderen ehrliche Eindeutschungen — existierten allerdings seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland die Hieb- und Stossfechtsysteme deutscher Fecht- und Exercitienmeister, welche Bestandteil des gymnastischen Repertoires der Ritter- und Adelsakademien waren. Fechtbücher wie das des Nürnberger Exercitienmeister Johann Andreas Schmidt (veröffentlicht 1715 und 1740) zeigen zwar Hiebtechniken, doch nur noch als Bestandteil eines gemischten Hieb- und Stichfechtsystems, das Traditionen aus italienischen, französischen und spanischen Systemen vereint. Selbst hier ist der Hieb dem Stich untergeordnet.

Neben dem Umgang mit dem Stossrapier lehrt Schmidt den Gebrauch einer mit Glockengefäss ausgestatteten, dem heutigen Glockenschläger nicht unähnlichen Hieb- und Stichwaffe. Diese wird von Fabricius “Raufdegen” genannt — ein Begriff, welcher nichtstudentischen Blankwaffenhistorikern jedoch fremd ist. (Wir finden ihn bis 1868 in Montags Hieb- und Stichdegen wieder. )

Erst im Jahr 1761 widmet der Helmstädter und später Göttinger Universitätsfechtmeister Anton Friedrich Kahn in der zweiten Auflage seiner “Anfangsgründe der Fechtkunst” einen kurzen Anhang der reinen Hiebfechtkunst. 

In nur achteinhalb Seiten erschöpfend darstellbar hat diese Fechtweise jedoch wenig mit der Praxis des modernen Schlägerfechtens zu tun: Hiebe werden aus der “normalen” Fechtstellung geführt, nicht aus der Verhängten Auslage. Im Gegensatz zum Stossfechten wird das Ausfallbein jedoch nicht gebeugt, sondern steif gehalten, während die Hüfte nach rückwärts eingezogen wird. Die linke Hand wird auf den Rücken gelegt “weil selbige beym Hieb eigentlich nichts abhalten kann.”

Die Gegner versuchen, mit Lock- oder Vorhieben zu fintieren: Wer mit Terz die äussere Blösse treffen möchte, schlägt innen gegen die Quartseite vor etc. Wer die Klinge des Gegners dabei nicht findet, pariert und schlägt nach. Beide Fechter können sowohl vorrücken als auch nach rückwärts ausweichen.

Europäische Hiebfechtkunst

Trotz des deutschnationalen Beiwerks in der Fechtliteratur des 19. Jahrhunderts lassen sich jedoch Parallelen besonders zur zweiten Phase des Deutschen Hiebfechtens in Fechttraditionen des europäischen Auslands aufweisen, insbesondere in den Stockfechtsystemen Frankreichs und Englands.

In Frankreich war das lukrative Privileg, die edle Fechtkunst den zahlungsfreudigen oberen Klassen zu vermitteln, fest in der Hand der honorigen Compagnie des Maîtres in Paris. Doch auch die unteren Bevölkerungsschichten schlugen sich gern und hart. Statt Florett und Degen benutzte man jedoch Holzwaffen:  Es gab zwei französischen Varianten des Stockfechtens — la canne, das bis heute mit Stöcken von etwa einem Meter Länge praktiziert wird. Und bâton, welches dem englischen quarterstaff bzw. der “halben Stange” der deutschen Renaissance-Fechtmeister entspricht. 

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gibt es für beide Systeme keine schriftlich überlieferten Anleitungen, abgesehen von einem heute äusserst seltenen, im Jahre 1660 veröffentlichten Buch des Jenaer Exercitienmeisters Johann Georg Pasche über die Handhabung des “Jägerstocks”, einer doppelseitig mit Spitzen ausgestatteten, etwa sechs Fuss langen Stange. Diese ist im wesentlichen identisch mit dem französischen bâton und dem japanischen bo und wird von Pasche eineutig als Waffe französischen Ursprungs identifiziert.

In der studentengeschichtlichen Forschung bisher noch nicht weiter aufgearbeitet ist das Brauchtum der französischen Compagnons, der nach Gilden organisierten wandernden Handwerksgesellen. In ihren sehr farbenfrohen Gesellenbriefen erscheinen Abbildungen von bâton-Kämpfen, in denen die Teilnehmer sich je nach Gilde nicht nur durch dreifarbige Bänder und Schleifen identifizieren, sondern sich auch Trinkritualen unterziehen, die dem verbindungsstudentischen Schmollistrinken verblüffend ähnlich sehen.

Erst nachdem savate, eine ursprünglich ausschließlich von französischen Ganoven praktizierte Art des Kickboxens, als Sport gesellschaftsfähig wurde, gab es auch kurze Anleitungen zu la canne, das meist Seite an Seite mit savate praktiziert und gelehrt wurde. 

Neben der Pariser Unterwelt vertauschten anscheinend auch Künstler gern Pinsel und Meissel mit Stock und Stulp: Ein Stahlstich, der 1855 unter dem Titel “Künstlerleben in Paris” (Artist Life in Paris) im Salonjournal Ballou’s Pictorial Drawing Room Companion abgedruckt wurde, zeigt zwei französische Musensöhne, die sich im Kreise ihrer Freunde versuchen gegenseitig blutende Platzwunden auf den Künstlerstirnen beizubringen. Besonders interessant ist für den corpsstudentischen Betrachter, daß sich das Décor des Ateliers nur wenig von dem der archetypischen Corpsstudentenbude im Biedermeier unterscheidet: Von der Wand hängen ein Paar Pistolen, nebst einem Sortiment von Floretten und anderen Fechtutensilien.

Merry Old England

Wesentlich klarer werden die Parallelen des deutschen Schlägerfechtens in Großbritannien, und zwar nicht nur in Hinsicht auf die Fechtpraxis, sondern auch auf die Waffen.

Dem heutigen Betrachter erscheint die nächstliegende Parallele des Korbschlägers im broadsword der schottischen Highlander-Regimente zu liegen. Das ist nicht unbedingt falsch, zieht man in Betracht, daß deutsche Klingenschmieden seit Ende des 16. Jahrhunderts unter den Großexporteuren von Waffen und Waffenteilen nach Großbritannien und insbesondere Schottland in Erscheinung treten. Deutscher Einfluß auf die Herausformung des baskethilt broadswords selbst in Schottland wird deutlich in der Solinger Setzordnung von 1628, welche eine bestimmte breite Klingenart als “Grosse Schotten” definiert. Der Waffenhistoriker John Wallace attestiert:

Der Schottlandhandel war zumindest für einen Solinger Klingenschmied wichtig genug, Klingen speziell für schottische Schwert-Ausstatter zu produzieren. (…) Dieser stete Export von den Passauer und Solinger Werkstätten war so etabliert, daß Klingen mit der Inschrift GOTT BEWAHR DIE OPRECTE SCHOTTEN bekannt sind.”

Diese Waffenart wurde allerdings außerhalb Schottlands erst in den 1790ern im Zuge der romantischen Verklärung der Highlander-Rebellion von 1745 populär. Vorgänger und Parallelentwicklungen des Korbschläger-Designs lassen sich hingegen bereits in den 1780er Jahren in Großbritannien feststellen. 

So sind die zwei bis drei Spangen im Korb des 1788er Heavy Cavalry Officer Sword in der charakteristischen verschnörkelten S-Form um das durchbrochene Stichblatt angeordnet, während der Korb des 1788er Household Cavalry Sword fast identisch ist mit frühen deutschen Hiebern/Korbschlägern. Beide Designs gehen eindeutig auf das 1779er Modell des Degens der Inniskilling Dragoons zurück, welche bis 1788 noch mit dem deutschen Manufakturstempel von Hertzberg versehen sind. Ein deutscher Paukschläger vom Anfang des 19. Jahrhunderts in der Sammlung Amberger hat nicht nur ein identisches Korbgefäss, sondern entspricht mit Überlänge seiner Klinge—er ist faßt 5cm länger als zeitgenössische Paukschläger—auch der in Schottland eingesetzten Kavalleriewaffe.

In Deutschland waren um 1800 neben dem Hieber — der aufgrund der Schläger II eigenen weiten Distanz zwischen den Fechtern und der damit verbundenen Flachheit der verhängten Auslage noch keine Terzbügel benötigte — noch andere Hiebwaffen unter Studenten in Gebrauch. 

In seinem 1840 in Jena erschienenen Buch Anweisung zum Hiebfechten zeigt F.A.W.L. Roux neben frühen Korb- und Glockenrapieren unterschiedlicher Konfiguration auch Kavallerie- und frühe Korbsäbel. Die Waffe, die der Dichter und Kriegsfreiwillige Theodor Körner zu Studienzeiten in seinem Blatt “System der Hiebe” abbildete, entspricht weitgehend dem englischen spadroon, einer besonders bei Offizieren beliebten gradklingigen Hiebwaffe, die anders als viele andere Modelle zeitgenössischer Reiterdegen eine ausgeprägte Fehlschärfe hatte. 

Viele dieser “britischen” Waffen sind nahe dem Heft auf dem Klingenrücken mit dem Namenszug “J(ohn) J(ustus) Runkel Solingen” graviert. Runkel war ein deutschstämmiger Importeur von Blankwaffen aus deutschen Manufakturen nach England und als solcher im Jahr 1788 maßgeblich daran beteiligt, das britische Board of General Officers unter General Conway gegen den Widerstand der einheimischen Klingenindustrie von der Qualität und Wirtschaftlichkeit Solinger Klingen zu überzeugen. 

Der Umgang mit spadroon und broadsword ist wiederum ein Kernstück eines 1798 bei T. Egerton in London anonym erschienenen Buchs, The Art of Defence. Wie auch im Fall der zeitgenössischen deutschen Hiebfechtsysteme ist die Grundlage des spadroon– und broadsword-Fechtens eine (aus heutiger Sicht) relativ flache Verhängte Auslage (hanging guard), aus welcher kurz angezogene Hiebe gegen Kopf, Arm, Torso und Ausfallbein des Gegners geführt werden.

Der Ausfall mit dem Hieb und die damit unter Umständen sich ergebene Blöße sind noch integrale Bestandteile der ersten Phasen des Schlägerfechtens. Selbst Roux schließt noch 1840 Hiebe gegen das Bein des Gegners nicht aus: 

“Die untere Terz oder vielmehr Second in die rechte Seite, oder unter dem Arm, auch wohl nach dem rechten Schenkel oder Knie, vorausgesetzt, dass der Gegner den rechten Fuß nicht seitwärts, sondern mehr in die Linie gesetzt und das rechte Bein gebogen hat. Da aber zu erwarten steht, dass der Gegner bei diesem Hiebe, besonders wenn derselbe mit etwas tiefer Faust geführt wird, seinen rechten Fuß zurücksetzt, und die obere Terz nach dem Arm mit dem Tempo haut, so kann dieser Hieb nach dem rechten Schenkel oder Knie nicht empfohlen werden.” 

Ausfall und Profilwendung des Oberkörpers zum Gegener hin blieben im Deutschen Hiebfechten im Fall des studentischen Korbsäbels bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erhalten, bis diese Waffe nach Ende des Zweiten Weltkriegs fast völlig in Vergessenheit geriet.

Bibliographische Fehlzündung

Die Autorschaft der Art of Defence wird von den einschlägigen Standardbibliographien der Fechtliteratur fälschlicherweise dem Drucker C. Roworth zugeschrieben. Dieser produzierte in Zusammenarbeit mit dem von Whitehall operierenden Verleger und Buchhändler T. Egerton nicht nur zahlreiche militärische Handbücher, sondern beansprucht auch literaturgeschichtlichen Ruhm als vanity publisher einer altjüngferlichen Schriftstellerin namens Jane Austen, deren Romane bis heute Stoff für unsägliche cineastische Kostümschinken liefern.

Auch die 1804 bei Egerton erscheinende erweiterte Neuauflage der Art of Defence wird einem falschen Autor zugeordnet, dem Fechtmeister John Taylor. Lediglich Taylors “10 Lessons” (10 Lektionen) auf den Seiten 94-97 der 1804er Ausgabe stellen den einzigen materiellen Unterschied zwischen Erst- und Zweitausgabe dar. Beide Auflagen können jedoch eindeutig der Sphäre des Henry (“Harry”) Angelo – des wohl bekanntesten englischen Fechtmeisters des ausgehenden 18. Jahrhunderts  zugeschrieben werden: Beide empfehlen ausdrücklich, daß der geneigte Leser sich zusätzlich mit dem Stoßfechten befassen sollte, insbesondere mit der Abhandlung Angelos, welche “so klar und umfassend ist, daß es nicht möglich ist, diese zu überschwinglich zu empfehlen.”.

Die 10 Lessons des John Taylor wiederum sind bis auf wenige Details in Struktur und Sequenz identisch mit den Guards and Lessons of the Highland Broadsword (Auslagen und Lektionen des Degens vom schottischen Hochlandtyps), einem großformatigen Einzelblatt-Kompendium, das im Jahre 1799 von Angelo in Zusammenarbeit mit dem englischen Karikaturisten und Kupferstecher Thomas Rowlandson als Zusatz zur Hungarian and Highland Broadsword Exercise exercise herausgegeben wurde. 

Die Angelo-Dynastie – vergleichbar in Deutschland mit der der Familien Kreussler und Roux – brachte nicht nur der Londoner Prominenz über 100 Jahre lang das Fechten bei, sondern übte auch grossen Einfluss auf die Fechtpraxis der britischen Streitkräfte aus, grösstenteils indem sie uralte englische Fechttraditionen neu verpackten. Unter der Ägide des Henry “Harry” Angelo – Sohn des Dynastiegründers Domenico und Vater von Henry und Edward Anthony — fand nun der altehrwürdige Haudegen ein neues Zuhause:

Das highland broadsword ist im weitesten Sinn eine Adaption des klassischen englischen baskethilt broadsword (Felddegen mit Korbgefäß), welche sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts grosser Beliebtheit insbesondere bei Militärs und bei Schaufechtern erfreuten. Diese Preiskämpfer – Vorläufer der Pugilisten und Boxer des angehenden 19. Jahrhunderts und Nachfahren der gildenmässig organisierten Maisters of Defence – unterhielten bis ins 18. Jahrhundert städtische Zuschauer mit Schwertkämpfen, die häufig mit (abgesprochenen) blutigen Verletzungen endeten und u.a. ihren literarischen Niederschlag im Journal Spectator des englischen Essayisten Sir Robert Steele fanden.

Hier gibt es nun wieder eine direkte Verbindung zum oben angesprochenen John Taylor, “late Broadsword Master to the same Light Horse Volunteers of London and Westminster”… dasselbe Regiment, dem “Harry” Angelo und Rowlandson ihre Hungarian and Highland Broadsword Exercise widmeten.  Der Britische Fechthistoriker Sir Alfred Hutton beschreibt Taylor als einen “robusten Englischen Meister des broadswords (…) der wenig mehr tat als die Lektionen so weiterzugeben wie er selbst sie gelernt hatte, nach einer Weise, die sich wenig von der unterschied, welche in der Zeit der guten Queen Elizabeth (I.) im Schwange war.”

Querverbindung zum Stockfechten

Eine nähere Analyse des von Harry Angelo so emsig publizierten “Schottischen und Austro-Ungarischen” Hiebfechtens läßt darauf schließen, daß dieser geschäftstüchtige Fechtmeister der Londoner Prominenz in der Tat keinesfalls Zeit damit verschwendete, neue oder ausländische Methoden aufzuarbeiten, sondern lediglich archaische englische Systematik neu verpackte. 

Der englische Fechthistoriker J.D. Aylward kommentiert:

“Er beschränkte sich auf das Studium des singlestick-Fechtens, welches damals noch sehr populär unter den niederen Klassen war, wobei er einige Konventionalitäten ausließ und auf das ursprüngliche Konzept zurückgriff, daß der Knüppel mit Korbgefäß ein roher wenn auch praktischer Degenersatz sei und nicht eine Waffe an sich.”

(Während sich Angelos weitere Veröffentlichungen nie ausdrücklich mit dem plebeischen Stockfechten befassen, zeigt der bekannte Kupferstecher Cruickshank den inzwischen recht rundlichen Henry Angelo doch mit Florett und singlestick in der Hand im Frontispiz von Angelo’s Pic-Nic.)

Das klassische englische cudgeling, backswording oder singlestick-Fechten wurde bis etwa 1850 vor allem im ländlichen England praktiziert. In seinem Schulroman Tom Brown’s Schooldays beschreibt Thomas Hughes eine solchen, vermutlich um 1820 stattfindenden, Wettkampf:

“Die Waffe besteht aus einem guten, dicken Stock aus Eschenholz mit einem weiten Korbgefäß. Aufgabe der Teilnehmer – aus unerfindlichen Gründen ‘Old Gamesters’ genannt – ist es, dem Gegner eine blutende Kopfwunde beizubringen; in dem Moment, in dem das Blut beginnt mindestens einen Zoll oberhalb der Augenbrauen zu fließen, ist der getroffene Old Gamester geschlagen und muß aufhören. Ein sehr leichter Stockhieb verursacht eine solche Wunde, so daß dies ein nicht allzu gewalttätiges Amüsement ist, zumindest solange die Teilnehmer nicht absichtlich und brutal gegen Körper und Arme des Gegners schlagen.”

Die Old Gamesters nehmen also Hut und Mantel ab und greifen sich eine Waffe, deren Korb entweder aus Weidengeflecht oder gehärtetem Rohleder besteht. Da im frühen viktorianischen singlestick auch der linke Arm zur Deckung benutzt wird, schlingt sich der Fechter ein Tuch um den rechten Oberschenkel, das er mit der linken Faust ergreift und so strammzieht, daß sein Ellbogen auf einer Ebene mit seinem Scheitel liegt, damit also die linke Gesichtshälfte abdeckt.

Die Waffe wird in einer steil gesetzten verhängten Auslage mit dem Korb über dem Kopf gehalten, so daß die Spitze ein oder zwei Zoll weit über dem linken Ellbogen hervorragt. Der Abstand zwischen den Gegnern mißt etwa drei Fuß — gut einen Meter. Gefochten wird solange, bis einer der Fechter um Pause ersucht oder den oben beschriebenen broken head erleidet. (Fechthistoriker erkennen im broken head natürlich den “Anschiß” der schlagenden deutschen Studenten, der wiederum auf die “rote Plume” der Fechtschulen und Fechtergilden zurückgeht.)

Hughes schreibt:

“Wenn gute Fechter antreten, ist die Schnelligkeit der Hiebfolge wunderbar. Man hört ein Rasseln wie das, welches von einem Jungen verursacht wird, der einen Stock über einen Lattenzaun schleifen läßt, nur schwerer, und die Nähe der Kombattanten verleiht der Sache ein merkwürdiges Interesse und macht ein Stockgefecht ein sehr erhebendes Schauspiel.”

Obwohl dieses klassische singlestick-System noch im Jahre 1840 detailliert beschrieben wird, ist es bereits Ende der 1860er Jahre fast vollständig von der neueren Säbel- und broadsword-Methode überlagert, welche zwar noch als singlestick bezeichnet und mit Holzwaffen praktiziert wird, aber die aus der steilen verhängten Auslage geschwippte Hiebführung zugunsten des Säbelfechtens nach der “französischen” Methode abgelegt hat.

 Fecht- und Turnmeister George Roland schreibt im Jahre 1832 bereits:

“Singlestick hat nunmehr nur eine kleine Anzahl von Bewunderern und die seiner Lehrer ist natürlich noch viel kleiner: In der Tat sieht man es eigentlich nur noch als Spezialinteresse praktiziert. Als [gymnastische] Übung für Gentlemen kann ich es nicht empfehlen.”

Um 1840 veröffentlichte Donald Walker einen kleinen Quartoband unter dem Titel Defensive Exercises, welcher neben dem inzwischen in der feinen englischen Gesellschaft hochpopulären Boxen auch Abrisse der unterschiedlichen englischen Ringertraditionen und Fechtübungen enthielt.

Singlestick wird in einigen wenigen Seiten abgehandelt und tritt in Folge bis 1920 – und dann in einer stark abgewandelten Art – in der englischen Fechtliteratur nicht mehr in Erscheinung. Doch selbst in den Short Stories von Arthur Conan Doyle wird deutlich, dass der Singlestick selbst am Ende des 19. Jahrhunderts noch Anhänger gerade unter kampfsportlich interessierten jungen Studenten hatte, für welche Singlesticks und Boxhandschuhe über dem Kaminsims ihrer Studentenbuden noch Symbole dafür waren, dass sie ihre körperlichen Herausforderungen “in der am meisten komprimierten und am wenigsten entfremdeten Form” bevorzugten.

In the Navy

Im britischen Militär hielt sich das Hiebfechten aus der Verhängten Auslage recht lange.  Auch hier ist wieder die kollektive Hand der Angelo-Dynastie im Spiel. Im Jahr 1853 schreibt Henry’s Bruder Edward Anthony:

 “Während der Blockade der Schelde und der holländischen Häfen im Sommer von 1812 besuchte mein Bruder seinen Freund Captain Rainier auf der Fregatte ‘Norge’. Während er an Bord war, hielt er es für nützlich und unterhaltsam, die Matrosen im angemessenen Gebrauch ihrer Cutlasses (Entersäbel) zu drillen. Dieses fand solchen Beifall und Nachahmung auf den anderen Schiffen, dass es letztendlich an Bord der ‘Excellent’ in Portsmouth zum Bestandteil des Navy-Trainings gemacht wurde.”

Diese Schilderung wird bereits 1817 von Henry und Edward Anthonys Vater “Harry” bestätigt und durch die Bemerkung ergänzt, dass Henry dieses System nicht nur vor Angehörigen des englischen Königshauses vorführte, sondern auch vor dem russischen Zaren, welcher ihm eine goldene Tabaksdose verehrte.

Schriftlich fixiert wurde dieses System im Jahr 1817, als es zur Infantry Sword Exercise für Offiziere und Unteroffizierte deklariert wurde. Jedes Infantriebattalion erhielt 12 Exemplare dieser Anleitung zugeteilt. Zwei Jahre später, im September 1819, wurde diese durch eine überarbeitete und erweiterte Fassung ersetzt. Obwohl beide Versionen als Regierungsveröffentlichungen ausser der Imprimatur des Oberkommandierenden keine Angaben zur Autorschaft machen bekennt sich jedoch wieder Henry Angelo im Jahr 1836 zur Urheberschaft:

“Die derzeit gängige Sword Exercise war ursprünglich von mir selber ausgeformt und wird bis heute unter meiner unmittelbaren Aufsicht (…) betrieben.” 

Dies traf nicht nur für Infantrie und Kavallerie zu, sondern auch für die Royal Navy und die Yeomanry, der britischen Freiwilligenmiliz, aus der sich Offiziere und Mannschaften der professionellen Armee rekrutierten. 

Trotz seines allmählichen Verschwindens aus dem Fechtleben des englischen Festlands in der Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt sich dieses dem Schlägerfechten der Phase II verblüffend ähnliches System des Singlestickfechtens bis weit ins 20. Jahrhundert… auf dem Wasser. 

Denn während englische Militärs und Amateure nach 1860 ihre Hiebfechtübungen mit krummklingigen Kavalleriewaffen (wie auch die geradklingigen Varianten “broadswords” genannt) nach der “kontinentalen Methode” durchführten… und sich an solch kurzweiligem Zeitvertreib wie dem Durchhauen von Bleikegeln, Schafskadavern und in die Luft geworfenen Seidentüchern erfreuten… übten sich die Mannschaften der britischen Kriegsmarine fleissig im Singlestickfechten aus der Verhängten Auslage.

Natürlich spielte der Umgang mit der Blankwaffe in Seeschlachten selbst im 19. Jahrhundert nur noch eine untergeordnete Rolle. Der eigentliche Zweck des Fechtens an Bord englischer Kriegsschiffe war wohl eher der athletische Zeitvertreib gerade der jüngeren Mannschaften. 

Die dazu verwendete Bewaffnung unterlief im Laufe der Jahre einige Veräderungen. 

Zeigt W. Thomas’ Holzschnitt von ca. 1860 noch einen bärtigen Fechtmeister mit breitkrempigem Hut, der einem uniformierten Schiffsjungen auf der HMS Britannia die Grundhiebe noch mittels eines mit Weidengeflechtkorb ausgestatteten Singlesticks beibringt, so ist die Ausrüstung um 1880 bereits der deutschen Praxis sehr ähnlich: Der Kopf wird durch eine schweren, aus Drahtgeflecht und Leder angefertigten Paukhelm geschützt, der Torso durch eine gepolsterte Lederschürze abgedeckt. 

Der linke Arm wird wie beim Schlägerfechten auf dem Rücken gehalten. Während der Fechtarm ungeschützt ist – immerhin erschwert die mittlere Distanz und die Verhängte Auslage schmerzhafte Treffer auf die Knochen des Unterarms — stecken Knie und Schienbein des Ausfallbeins noch in einem ebenfalls aus derbem Leder gefertigten Knieschoner… ein Indiz dafür, dass wie auch in den Frühphasen des deutschen Schlägerfechtens das Bein ein gültiges Treffergebiet war. Diese maritime Paukkluft, über der Uniform getragen, wird bildlich noch um 1905 auf einem Zigarettenbild der Firma Players belegt.

Die Waffe selbst besteht wie bereits zu Zeiten der englischen Old Gamesters aus einem soliden, meterlangen Eschenholzknüppel mit einem aus gekochten Rohleder (cuir bouilli) gefertigten Rundgefäss. Ein Exemplar in meiner Sammlung legt nahe, dass dieses vorzugsweise mit Handschuh benutzt werden musste, da sich andererseits die Haut an den Fingerknöcheln relativ schnell und schmerzhaft abreibt.

Amerikanische Verhältnisse

Auch in der amerikanischen Marine wurde das Fechten aus der Verhängten Auslage bis ins frühe 20. Jahrhundert betrieben, hier jedoch nicht mit Holzwaffen, sondern mit stumpfen Entersäbeln. 

Parallel zu dieser ur- und paneuropäischen Fechtweise bemühte sich jedoch Antoine J. Corbesier, der aus Belgien importierte Fechtmeister der Naval Academy in Annapolis, um eine Neuformulierung des Cutlass-Systems nach kontinentaleuropäischen Grundsätzen.

Trotzdem zeigen Photos und Stereographien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts immer noch US Matrosen beim Praktizieren der alten Hiebfechtart.

In den USA hielt sich das Hiebfechten aus der Verhängten jedoch auch auf der terra firma.  Die Jahn’schen Turnerbünde und -vereine der Deutschamerikaner praktizierten neben den üblichen internationalen Fechtwaffem so gut es ging auch die deutschen Waffen… ohne dass die Mensur als soche  als Endzweck der Übung in Erscheinung tritt. 

Auch bei militärischen und paramilitärischen Institutionen wurde ein Fechten aus der Verhängten Auslage mit Korb- und Glockenrapier praktiziert. Das literarische Fundament dazu lieferte die englischsprachige Adaptation des Brockhaus, insbesondere die 1851 in New York herausgegebene Iconographic Encyclopedia of Science, Literature, and Art des Johann Georg Heck, deren dritter Band eine detaillierte Anleitung zum zeitgenössischen Schlägerspiel beinhaltet. Zusätzlich zu den bei Heck abgebildeten Paukwaffen tritt in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in Amerika auch noch eine Hiebfechtwaffe auf, welche eine Paukklinge mit einem aus sechs in der Mitte zu einem Stern vernieteten Blechstreifen bestehenden Korbgefäss kombiniert… eine partikable und mit sicherheit wohlfeile Version des geradklingigen sächsischen “Fleischhauer” Dragonersäbels aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Obwohl es meines Wissens ausserhalb von Heck keine weitere spezifische Literatur zur amerikanischen Praxis des Schlägerfechtens gibt, belegen die Kataloge von Sportausstattern die Verbreitung des Systems bis ins frühe 20. Jahrhundert. Neben dem Fechtwaffenimporteur und -ausstatter J.H. Lau & Co. führt im Jahr 1902 die New Yorker Firma Spalding (heute eher berühmt durch ihre Basketbälle) neben Singlesticks mit Geflechtkorb immer noch “Haute Rapiers” im Sortiment… die franco-englische Verballhornung des deutschen “Haurapiers”. Diese Solinger Importe, gerfertig aus “finest steel”, kosten $8 und entsprechen in allen Details einem deutschen Paukschläger mit Korbgefäss, jedoch ohne Terzbügel… ein Hinweis darauf, dass die mittlere Mensur (hier im Sinne von Fechtabstand) in Amerika länger überlebte als in Deutschland selbst.

Es waren beileibe nicht nur die niederen Chargen der angelsächsischen Kriegsmarinen, die sich derm Hiebfechten mit meterlangen Holzknüppeln oder kurzen, stumpfen Entersäbeln widmeten: Während der Amtszeit von “Rough Rider” Teddy Roosevelt (1901-1909) erschien der sehr um ein rauhbeiniges Kämpfer-Image bemühte Präsident der Vereinigten Staaten mehrmals mit bandagierten Armverletzungen, welche er sich im Stockfechten mit seinem Stabschef General Leonard Wood zugezogen hatte. (Er bevorzugte allerdings den französischen canne.) Seine Fecht- und Kampfsportbegeisterung wurde u.a. vom Journal Harper’s Weekly illustriert.

Koloniale Ableger

Selbst in Indien fanden Haurapiere aus deutscher Fabrikation ihre Anhänger. In homoerotisch angehauchten Boudoirphotographien aus Bombay posieren leichtbekleidete Inder mit Korbschlägern. Aber auch unter den handfesteren Polizeikräften des Britischen Empires entwickelten sich eng an den alten englischen Hiebtechniken anlehnende Stockkampfmethoden.

Ein anonymer englischer “Officer of the Indian Police” veröffentlichte in den 20er Jahren ein Buch unter dem Titel The Walking Stick Method of Self-Defence.  Dieses System wandelte die bekannten Grundtechniken des Hiebfechtens durch Einbeziehung des gesamten Körpers bei der Erzeugung der Hiebenergie in ein dynamisches Kampfsystem um, welches sowohl mit dem meterlangen Knotenstock (lathi) der indischen Polizeitruppen, als auch mit gewöhnlichen Spazierstöcken ausgeübt werden konnte. (Das Titelblatt verspricht dementsprechend, dass nach der Lektüre selbst die “zierlichste Dame,” mit einem Spazierstock bewaffnet, dem “grobschlächtigsten Hooligan” paroli bieten könne.)

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