Die Entwicklungsphasen des studentischen Schlägerfechtens

Ein paar kurze Notizen zur Orientierung…

by J. Christoph Amberger

 

Die Technik des Deutschen Hiebfechtens war im 19. Jahrhundert mehreren grossen Umwälzungen unterworfen, anhand welcher man die Entwicklungsgeschichte des Schlägerfechtens in Großphasen aufteilen kann. An anderer Stelle hatte ich bereits früher drei Großphasen in der Geschichte des studentischen Hiebfechtens definiert. Anhand neuerer Analysen musste ich diese Gliederung auf vier distinkte Phasen erweitern:

*** Die erste Großphase, hier nur als Schläger I bezeichnet, entspricht im wesentlichen der hier beschriebenen Methodik des Anton Friedrich Kahn. Diese basiert, wie auch die spezifisch deutsch Stoßfechtschule, auf den Lehren der Kreussler’schen Fechtmeister-Dynastie, welche sich von der Universität Jena aus über Deutschland verbreitete und zuerst bei Kahn schriftlich niedergelegt wurde.

Diese Methodik ist vergleichsweise eingeschränkt und stellt mit ihren aus der steilen Auslage angesetzten Hieben eine spezifisch deutsche Übergangsform zwischen dem studentischen Hiebfechten und den in Frankreich und Italien gängigen Lehren dar. Diese Methodik dürfte in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts zuerst formuliert worden sein und findet sich im Ansazt bis ins frühe 20. Jahrhundert, besonders in Prag und in einzelnen Techniken des studentischen Säbelfechtens.

Quellen: Kahn, Anton Friedrich. Anfangsgründe der Fechtkunst nebst einer Vorrede in welcher eine kurze Geschichte der Fechtkunst vorgetragen und auch von dem Nutzen derselben wie auch von der Vorzügen dieser Anweisung gehandelt wird; Helmstaedt: Christian Friedrich Weygand, 1761

 

*** Die zweite Großphase, Schläger II, umfasst eine relativ facettenreiches Spektrum pan-europäischer Hiebfechtsysteme, welche sich insbesonder in den Broadsword- und Singlestick-Fechtpraxis Englands erhielten und während der napoleonischen Kriege auch in Deutschland verstärkt praktiziert wurden.

Hauptcharakteristikasind das Fechten aus der mittleren (Ausfall-) Distanz, eine seitliche Zuwendung zum Gegner, sowie das Schlagen aus einer relativ flach gesetzten Verhängten Auslage. (Diese flache Auslage machte u.a. den Zusatz eines Terzbügels beim Korbgefäss unnötig, weshalb Waffen dieser Hauptphase recht einfach zu indentifizieren sind.) 

Das Ausfallbein des Gegners gehört offiziell noch zum Treffergebiet, ist aber wegen der mit den sich bei entsprechenden Angriffen ergebenden Blössen – insbesondere Kopf und Fechtarm – bereits höchst unpopulär. Diese Phase zieht sich insbesonder in der militärischen Ausbildung bis ins späte 19. Jahrhundert hinein, wo sie nach 1890 letztendlich von der neuen italienischen Schule verdrängt wurde.

Quellen:

Roux, [Friedrich Anton Wilhelm Ludwig] W. Anweisung zum Hiebfechten mit graden und krummen Klingen; nebst einer Einleitung von Dr. K.H.Scheidler; Jena: Verlag von Friedrich Mauke, 1840

Walker, Donald. Defensive Exercises; Comprising Wrestling (…), Boxig (…) Fencing, and Broad Sword, with Simpler Methods; London: Thomas Hurst, 1840

Rothstein, Hg. (ed.) Die Gymnastik, nach dem Systeme des Schwedischen Gymnasiarchen P. H. Ling: Vierter Abschnitt, Die Wehrgymnastik; Berlin: E. H. Schroeder, 1851

B., Dr. Anleitung das Contraschlagen in kurzer Zeit gründlich zu erlernen, nebst einem Anhange über die steile Auslage und das Säbelschlagen; Bonn: Henry & Cohen, 1852

*** Die dominante und einflussreichste Großphase des studentischen Fechtens, Schläger III, ist die “wissenschaftliche” Phase und umfasst die systematische Aufarbeitung und Ausweitung des Hiebfechtens aus der Verhängten Auslage in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Protagonisten dieses Prozesses sind die Turner Friedrich Friesen und E.W. B. Eiselen – beides langjährige Mitstreiter von Friedrich Ludwig Jahn. F.A.W.L. Roux, seines Zeichens Fechtmeister an der Universität Jena, faßte zwar noch 1840 die Grundlagen von Schläger II zusammen, wurde jedoch durch sein Deutsches Paukbuch 1857 zum Begründer einer neuen Schule, welche die Grundätze des modernen Schlägerfechtens kodifizierte.

Quellen:

Roux, Friedrich Anton Wilhelm Ludwig. Deutsches Paukbuch; Jena: Verlag von Friedrich Mauke; 1857,1867; 1976

Schulze, Friedrich. Die Fecht-Kunst mit dem Hau-Rapier unter besonderer Berücksichtigung des Linksfechtens mit Übungsbeispielen und 5 Tafeln im Lichtdruck; Heidelberg: Bangel & Schmitt (Otto Peters),  1885

Verein Deutscher Universitätsfechtmeister. Deutsche Hiebfechtschule für Korb- und Glockenrapier: Eine kurze Anweisung zur Erlernung des an unseren deutschen Hochschulen gebräuchlichen Hiebfechtens;Leipzig: Verlag von J.J. Weber, 1887; 1901

Roux, Ludwig Caesar. Die Hiebfechtkunst (Jena: Hermann Pohle) Schernfeld: SH-Verlag 1994, (1885, 1990

Fix, Le Colonel. L’Escrime dans les universités allemandes d’apres Ludwig Caesar Roux, Fried. Schulze, W. Fehn etc.; Paris: Librairie Militaire de L. Baudoin, 1895 
*** Die letzte Grossphase, Schläger IV, stellt eine drastische Verkürzung des vorhergehenden Systems dar und wird seit etwa 1905 praktiziert. Die Hauptmerkmale dieser Entwicklungsstufe sind die frontale Zuwendung zum Gegner und die drastisch reduzierte Distanz, welche zur charakteristischen Hiebtechnik des modernen Schlägerfechtens führte.
Quellen:
Meyer, Adolf. Neue Schule des kommentmässigen akadem. Schlägerfechtens; Leipzig: Röder & Schunke, 1906, 1910
Angerer, Albin. Anleitung zum Fechten mit dem Korbschläger; Kaiserslautern: VAC, 1979
 

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