Kurze Geschichte Des Akademischen Fechtens In Deutschland; Teil 4: Das Deutsche Hiebfechten vor europäischem Hintergrund

Obwohl das Schlägerfechten heute als deutsche oder gar deutsch-nationale Angelegenheit angesehen wird, ist es doch ein fester Bestandteil europäischer Hiebfechttraditionen…

This picks up where this left: Kurze Geschichte Des Akademischen Fechtens In Deutschland; Teil 3: Die Wehrgymnastische Bewegung

by J. Christoph Amberger

Während die Wehrgymnastik Hieb und Stich lehrte, bildete sich unter den Studenten der deutschen Universitäten die langlebigste Fechtvariante des 19. Jahrhunderts heraus: Aus technischer und fechtgeschichtlicher Hinsicht ist das moderne Schlägerfechten eine drastisch vereinfachte Variante eines Fechtsystems, das nach den Freiheitskriegen als “Deutsches Hiebfechten” Popularität erlangte.

Der Umstand, daß die Entwicklung dieses Deutschen Hiebfechtens fast zeitgleich stattfand mit der Wiederbelebung des nationalen Einheits-Gedankens und maßgeblich beeinflußt wurde von Männern mit ausgeprägten deutschnationalen Idealen, führte über die Jahrzehnte dazu, daß das studentische Schlägerfechten heute als “typisch deutsches” Phänomen angesehen wird. 

Bis in die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts war das Fechten der deutschen Studenten jedoch weitgehend identisch mit den Modewaffen und gängigen Fechtmethoden der jeweiligen Epoche… und damit eingebunden in die gehobene Populärkultur Europas. Zeitgenössische Illustrationen dokumentieren Studenten im Umgang mit Dussack und Schwert, Rapier und Dolch, und Galanteriedegen, jenachdem was zur betreffenden Zeit als standesgemäß empfunden wurde.

Bemerkenswert ist, daß sich die deutsche Fechtliteratur zwischen 1600 und 1780 hauptsächlich dem Stoßfechten widmete. Hier dominierten die Methoden der Italiener Salvatore Fabris und Ridolfo Capo Ferro – welche in unzähligen Übersetzungen, Adaptationen und Plagiaten bis weit ins 18. Jahrhundert populär blieben, bis sie um 1730 durch französische Fechtmethoden und Waffen überlagert und letztendlich verdrängt wurden. Lediglich das Kreussler’sche Stoßfechten – ebenfalls ursprünglich auf italienischen Methodiken basierend – entwickelte sich zu einer spezifisch “deutschen” Spielart, welche sich von etwa 1720 bis etwa 1900 landesweiter Popularität erfreute und bis um 1840 von den schlagenden Studenten Jenas und Leipzigs anstelle des Hiebfechtens betrieben wurde.

Bruch in der Tradition

Während die reiche Literatur der Stoßfechtkunst in Deutschland eine solide Grundlage für die Rekonstruktion von Kontinuitäten und transnationalen Parallellen und Einflüssen bietet, ist eine spezifisch deutsche, reine Hiebfechtschule nach 1600 nur apokryph in den mehr oder weniger gelungenen Plagiaten von Joachim Meyers Fechtbuch aus den 1570er Jahren zu rekonstruieren. 

Mit dem Verschwinden der öffentlichen Fechtschulen und der Wandlung der alten Fechtergilden zu Schützenvereinen bricht die Tradition eines Meyer’schen, “aus dem Bogen schlagenden” Hiebfechtens lange vor Ausbruch der Französischen Revolution ab. Findet man bis zum Anfang des 18. Jahrhunders noch Abbildungen von Dussak-Fechtern (mit zum teil beidseitigen Armstulpen und turbanartigen Kopfumwicklungen), die sich während der Fechtschulen der Marxbrüder und Federfechter blutende Platzwunden am Kopf beizubringen versuchten, dominiert doch in der standesgemässen Fechtliteratur der Studenten das Stoßfechten mit Rapier und, später, Galanteriedegen. 

An und für sich ist dies kein Wunder, gehörte doch der zierliche und relativ kurzklingige Degen zum standesgemässen Kostüm des “wilden, fluch- und raufenden” oder gar “gottlosen” Studenten, wie ihn Adam Wolfgang Winterschmidt 1764 in Der tugend- und lasterhafte Studente beschreibt. Der Degen war aber nicht nur Waffe des disreputierlichen studentischen Taugenichts, sondern auch Sympol gehobener gesellschaftlicher Stellung. Die schwereren geradklingigen Hiebwaffen hingegen (gerade diejenigen mit vollen oder halben Korbgefässen) waren Kriegswaffen, welche wegen ihrer Länge, ihres Gewichts und nicht zuletzt wegen der Sperrigkeit ihrer Gefässe kaum Eingang in die Garderobe von Zivilisten fanden.

Neben den französischen und italienischen Fechtschulen — zum Teil Plagiate, zum anderen ehrliche Eindeutschungen — existierten allerdings seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland die Hieb- und Stoßfechtsysteme deutscher Fecht- und Exercitienmeister, welche Bestandteil des gymnastischen Repertoires der Ritter- und Adelsakademien waren. Fechtbücher wie das des Nürnberger Exercitienmeister Johann Andreas Schmidt (veröffentlicht 1715 und 1740) zeigen zwar Hiebtechniken, doch nur noch als Bestandteil eines gemischten Hieb- und Stichfechtsystems, das Traditionen aus italienischen, französischen und spanischen Systemen vereint. Selbst hier ist der Hieb dem Stich untergeordnet.

Neben dem Umgang mit dem Stossrapier lehrt Schmidt den Gebrauch einer mit Glockengefäss ausgestatteten, dem heutigen Glockenschläger nicht unähnlichen Hieb- und Stichwaffe. Diese wird von Fabricius “Raufdegen” genannt — ein Begriff, welcher nichtstudentischen Blankwaffenhistorikern jedoch fremd ist. (Wir finden ihn bis 1868 in Montags Hieb- und Stichdegen wieder. )

Erst im Jahr 1761 widmet der Helmstädter und später Göttinger Universitätsfechtmeister Anton Friedrich Kahn in der zweiten Auflage seiner “Anfangsgründe der Fechtkunst” einen kurzen Anhang der reinen Hiebfechtkunst. 

In nur achteinhalb Seiten erschöpfend darstellbar hat diese Fechtweise jedoch wenig mit der Praxis des modernen Schlägerfechtens zu tun: Hiebe werden aus der “normalen” Fechtstellung geführt, nicht aus der Verhängten Auslage. Im Gegensatz zum Stossfechten wird das Ausfallbein jedoch nicht gebeugt, sondern steif gehalten, während die Hüfte nach rückwärts eingezogen wird. Die linke Hand wird auf den Rücken gelegt “weil selbige beym Hieb eigentlich nichts abhalten kann.”

Die Gegner versuchen, mit Lock- oder Vorhieben zu fintieren: Wer mit Terz die äussere Blösse treffen möchte, schlägt innen gegen die Quartseite vor etc. Wer die Klinge des Gegners dabei nicht findet, pariert und schlägt nach. Beide Fechter können sowohl vorrücken als auch nach rückwärts ausweichen.

Wo bleiben die europäischen Parallelen? In der nächsten Folge….

 

Quellen: 

Fabris, Salvatore. De lo schermo, overo scienza d’arme, Copenhagen: H. Waltkirch; 1606

Capo Ferro da Cagli, Ridolfo. Gran Simulacro dell’Arte, e dell’ Uso della Scherma, Bologna: Gioseppe Longo 1652 (other editions: 1610, 1629)
Schmidt, Johann Andreas. Gründlich lehrende Fecht-Schule, oder Leichte Anweisung, auf Stoß oder Hieb sicher zu fechten; Nebt einem curieusen Unterricht vom Voltigieren und Ringen, mit viel sauber dazu dienlichen Kupfern versehen, Nürnberg: Bei Endterischen Consorten und Engelbrechts Wittwe; 1749 (erste Ausgabe 1713)
n.n. Der Geöffnete Fechtboden, auf welchem durch kurz gefaßte Regeln gute Anleitung zum rechten Fundament der Fecht-Kunst gegeben und gewiesen wird, Hamburg: Benjamin Schillers Witwe; 1715 (erste Ausgabe 1706)
Kahn, Anton Friedrich. Anfangsgründe der Fechtkunst nebst einer Vorrede von dem Nutzen der Fechtkunst und den Vorzügen dieser Anweisung, Göttingen: Johann Christoph Ludolph Schultzen; 1739 
Kahn, Anton Friedrich. Anfangsgründe der Fechtkunst nebst einer Vorrede in welcher eine kurze Geschichte der Fechtkunst vorgetragen und auch von dem Nutzen derselben wie auch von der Vorzügen dieser Anweisung gehandelt wird, Helmstaedt: Christian Friedrich Weygand; 1761

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