Kurze Geschichte Des Akademischen Fechtens In Deutschland; Teil 3: Die Wehrgymnastische Bewegung

Die Deutsche Turnerbewegung entwickelte sich bald zur Deutschen Wehrgymnastik weiter…

Fortsetzung von: “Kurze Geschichte Des Akademischen Fechtens In Deutschland; Teil 2: Die Turner”

by J. Christoph Amberger

Das Ende der napoleonischen Kriege brachte für Deutsche und insbesondere für die Bewohner des plötzlich stark vergrößerten Preussens nicht die durch Ernst Moritz Arndt und andere intellektuelle Triebkräfte des Widerstands gegen die französische Besatzung die angestrebten politischen Reformen. Dafür verbreitete sich das Streben nach deutscher Einheit, für welche sich die politisierte bürgerliche Jugend, insbesondere die Studentenschaft, verstärkt wenn auch vergeblich einsetzte. Insbesondere die sich freiwillig zum Kampf gegen Napoleon gemeldet habenden bürgerlichen Veteranen spielten eine herausragende Rolle, der Turnerbewegung verstärkt nationale und paramilitärische Züge zu geben.

Qualifizierte, im militärischen Umgang mit der Blankwaffe geübte Fechtmeister gab es genug. Nicht immer hatten sie unter deutschen Fahnen gedient: Deutsche kämpften auf Seiten der deutschen Staaten, als Mitglieder der King’s German Legion an britische Kontingente angeschlossen (mehr dazu später), und natürlich auch als Soldaten Napoleons:

Der Baron de Marbot gibt in seinen Erinnerungen zu Buch, daß Rheinländer, Elsässer und Lothringer so stark in der französischen Kavallerie vertreten waren, daß selbst die Kommandos auf Deutsch gegeben werden mussten.

(Marbot ist das Vorbild für Arthur Conan Doyles Exploits and Adventures of Brigadier Gerard, dessen fiktive Erinnerungen wiederum eine hervorragende Inspiration zu Gorge Mcdonald Fraziers Flashman boten.)

Ein gebürtigiger Mainzer, der in Napoleons Garde zahlreiche Feldzüge unter den kaiserlichen Adlerstandarten mitgemacht hatte, bietet in diesem Zusammenhang einen einzigartigen Einblick in die praktizierten Möglichkeiten des Blankwaffengebrauchs. F. C. Christmann, “Professor der Fechtkunst, Mitglied der Fechtacademie zu Boulogne und mehrerer deutscher Fechtacademien” verfasste in Mitarbeit von Dr. G. Pfeffinger in Offenbach im Jahr 1838 ein höchst eigenwilliges Fechtbuch.

Dieses, unverdientermaßen von der ernsthaften Kampfsportforschung noch nicht zur Kenntnis genommene Werk sollte den deutschen Bundestruppen in ein ebenso eklektisches wie vielseitiges Kampfsystem einführen, welches den Soldaten und Fechtbegeisterten im Umgang mit Säbel, Bajonett, Lanze, und Stock zu Fuß und vom Pferderücken aus ausbilden sollte. Die Kämpfer treten dabei nicht nur in den traditionellen Paarungen mit identischen Waffen gegeneinander an, sondern mischen auch Berittene gegen Infanteristen, Bajonettfechter gegen Säbelkämpfer etc an.

Christmann weicht unter anderem auch vom eher linearen Raumgebrauch der klassischen französchen und kreusslerschen Schulen ab: Seine Säbelfechter operieren aus einer verhängten Auslage, zum Teil mit Klingenfühlung, und suchen gezielt durch Drehungen und Körperwendungen die rechte oder linke Seite des Gegners zu erreichen. Heutigen Praktikanten von Aiki-Jo und Bokken dürften die Prinzipien dieser Fechtweise sehr vertraut vorkommen!

Das dem Christmann’schen Ansatz zugrundeliegende Konzept der Wehrfähigmachung erweiterte sich im Laufe der Jahrzehnte zu dem der Wehrgymnastik. Diese umfasste das Degen- bzw. Stoßfechten, das Säbelfechten, das Bajonettiern und Lanzenreiten, in Ansätzen Ring- und Faustkampf, sowie Wurfübungen.

Die Wehrgymnastik, so der schwedische “Gymnasiarch” P. Ling, versteht sich jedoch nicht als individuelle Kampfkunst, sondern prinzipiell als Darstellung eines Kampfes, “zwischen Angehörigen sittlicher Gemeinwesen, im Interesse ihres Gemeinwesens oder der Sittlichkeitsidee u. ihrer Forderung überhaupt”.

In den 1860er Jahren vermengt sich die Wehrgymnastik wieder mit der Jahnschen Turnerpraxis. Die Fechtbücher, wie das des J. B. Montag, werden sowohl den Militärschulen als auch den Turnanstalten gewidmet.

Weiter geht es im 4. Teil…

 

Quellen:

Christmann, F. C. und Pfeffinger, G., Theoretisch-Praktische Anleitung des Hau-Stoßfechtens und des Schwadronhauens nach einer ganz neuen Methode, Offenbach am Main: self-published (?), 1838

Rothstein, Hg. (ed.), Die Gymnastik, nach dem Systeme des Schwedischen Gymnasiarchen P. H. Ling: Vierter Abschnitt, Die Wehrgymnastik, Berlin: E. H. Schroeder, 1851

Montag, J. B., Neue praktische Fechtschule auf Hieb und Stoß, sowie auf Stoß gegen Hieb und Hieb gegen Stoß, Wriezen a.O.: Verlag von F. Riemschneider, n.d. (c. 1866)

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