Revolutionärer Fund: Ein Paar Schläger mit literarischem Hintergrund

Mensurschläger von 1849

Mensurschläger von 1849

Literarischer Fund:

Zum Hintergrund von zwei Saxo-Borussen-Schlägern aus dem Revolutionsjahr 1849…

by J. Christoph Amberger

Es mag so erscheinen, als ob der Hauptzweck studentischer Geschenke das Festhalten des eigenen Namens in einem Stückchen Metall ist: Instant-Unsterblichkeit.

Für die Sammler und Historiker studentischer Artefakte stellt der Drang zum Markieren einen Glücksfall dar. Wo anders läßt sich ein ursprünglicher Eigner eines Deckelschoppens oder gar eines Schlägers anhand von Querreferenz zu entsprechenden Listen klar feststellen—zudem noch mit Kurzviten, die weitere Recherche nicht nur erleichtern, sondern in vielen Fällen erst möglich machen.

Vor einigen Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Im Herbst 2004 kaufte ich im amerikanischen eBay zwei fälschlicherweise als “Kesselbach foils” (Kesselbach Florette) ausgewiesene Korbschläger, deren Hintergrund sich im folgenden als hochinteressant entpuppen sollte.

Hier die Details:

Waffe A

Gesamtlänge: 106cm; Klingenlänge: 87,5cm; Gewicht: 700g

Gravur:

C. da Silva s/m J. F. Loubat 18 Z! 49

Z!

Gravur

Gravur

Der Korb hat die typische “Tulpenform” des mittleren 19. Jahrhunderts, natürlich noch ohne Terzbügel. Auf der Zunge des Korbes ist inseitig der Name des Couleurausstatters G KESSELBACH eingestanzt.

Stoffreste verbleiben im Stichblatt, es fehlt die Blecheinlage des Korbes. Dieser weist keinerlei Scharten oder andere, auf fechterische Verwendung schliessen lassende Defekte auf. Griff und Fingerschlaufe sind original.

Der Griff ist mit feiner Fischhaut überzogen, das Leder der Schlaufe ist versteift und vor relativ kurzer Zeit gerissen, wobei ein Teil der Substanz verloren ging. Die Nuss ist vierecking, mit quadratischen Oberfläche, wobei das obere Drittel durch eine ins Metall geschnittene Rille abgesetzt ist und die obere Kante abgerundet wurde.

Die Angel der Klinge weist ein Gewinde auf, auf das die Nuss aufgeschraubt wurde. Durch das Abrunden der Angel mit Hammerschlägen wurde im Effekt eine Vernietung der Klinge im Gefäss erzielt. Die Klinge lässt sich daher nicht aus dem Gefäss entfernen. Die in der Gravur widergegebenen Zirkel entsprechen dem des Corps Saxo-Borussia Heidelberg.

Die Klingenwurzel weist  einen ins Metall eingestanzten Totenkopf auf, umseitig findet sich der name “Kull”—80 Jahre vor Tod des Robert E. Howard nehmen wir mal an, daß dies nicht mit “Kull of Atlantis” in Verbindung steht. Die Klinge ist altersflecking, jedoch noch immer scharf und weist wie der Korb keinerlei Scharten auf.

Schmiedemarke

Schmiedemarke

Waffe B

Gesamtlänge : 104,5cm; Klingenlänge: 86cm; Gewicht: 715g

Gravur:

C da Silva s/m J. F. Loubat

18 Z! 49

Z!

Die Konfiguration dieser Waffe entspricht im Wesentlichen der von Waffe A. Der Korb hat die typische “Tulpenform”, wieder ohne Terzbügel, aber mit dem Markennamen G KESSELBACH. Stoffreste verbleiben im Stichblatt, es fehlt die Blecheinlage des Korbes. Fischhautgriff und Fingerschlaufe sind original und intakt. Die Nuss ist identisch mit der in Waffe A beschriebenen. Die Angel der Klinge weist ein Gewinde auf, auf das die Nuss aufgeschraubt wurde. Die Nuss ist leicht entfernbar.

Die Klinge hat keinerlei Herstellermarken, abgesehen von zwei einseitig ins Metall gestanzten Symbolen, die entweder als X X oder H K zu lessen sind. Reste eine Stoff- oder Filzbuffers verbleiben zwischen Angel und Korb.

Korb und Klinge weisen starke Hiebeinwirkungen vor, insbesondere die Quartseite des Faustbügels, sowie die Klingenmitte. Die obere Klingenhälfte weist ausserdem die typische lineare Klingenkrümmung vor, die beim “Einziehen” der Waffe unter dem Schuh des Paukanten oder Sekundanten entsteht. Es liegt nahe, dass diese Waffe zum Fechten mindestens einer Mensur verwendet wurde. Die in der Gravur widergegebenen Zirkel entsprechen dem des Corps Saxo-Borussia Heidelberg.

Zuordnung

Für das Rezeptionsjahr 1849 weisen die Kösener Corpslisten (1960) für das Corps Saxo-Borussia Heidelberg die folgenden in Frage kommenden Personen aus:

a) Nr. 383 Vieira de Silva, Luiz Antonio, Visconde, XX, X, Marinemin[ister], Senator des Kaiserreichs Brasilien. +1889

Luís Antônio Vieira da Silva war überdies anscheinend zwischen 1869 und 1870 mehrmals amtierender Präsident der brasilianischen Provinz Piaui.

b) Nr. 389 de Loubat, Jos., Duc, Dr. iur. Privatgelehrter, württ. Attaché a.D., Exc., Paris. +1927

Joseph Florimont, Duc de Loubat (1831-1921)  war ein reicher amerikanischer Philantrop, Autor und Buchliebhaber, der sich als Mäzen insbesondere um die Bibliothek der Georgetown University in Washington verdient machte. Er stiftete den Lehrstuhl für präkolumbianische Archäologie im Anthropology Department von Georgetown und machte sich als Förderer archäologischer Expeditionen in Griechenland und Frankreich, sowie als Verleger bibliophiler und akademischer Schriften einen Namen.

Im Jahr 1893 wurde er durch Papst Leo XIII für seine Großszügiglkeit gegenüber der katholischen Kirche geadelt. Im Juli 1899 stellte Loubat der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin ein Kapital von 300.000 Mark zur Verfügung, mit der Auflage, die Loubat-Professur-Stiftung zu gründen und aus den Zinserträgen eine für das Fach der präkolumbischen Altertumskunde Amerikas zu bestellende etatsmäßige Professur zu besolden.

Die Initialien des Joseph Florimond duc de Loubat, korrespondieren eindeutig mit den in der gravierten Dedikation angegebenen. Das “C” in C da Silva könnte auf einer Französisierung des “Visconde” (“compte”) beruhen.

Romangestalten

Diese Zuordnung wäre nun bereits sehr zufriedenstellend, würden die Kösener Corpslisten nicht für das Receptionsjahr 1850 die folgende Persönlichkeit aufführen:

Nr. 395 Meding, Osk., xxx, Schriftsteller (“Gregor Samarow”), Reg.Rat a.D., Wohldenberg, Hann. +1903 Berlin-Charlottenburg.

Johann Ferdinand Martin Oskar Meding (*11.April 1829 in Königsberg, +11.Juli 1903 in Charlottenburg) war Sohn eines ostpreußischen Regierungspräsidenten. Er studierte Jura und Volkswirtschaft in Königsberg, Heidelberg und Berlin und trat 1851 in den preußischen Justizdienst ein. Im Jahr 1859 befand er sich in den Diensten von Georg V. von Hannover, wo er die Regierungspresse aufbaute. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Paris (1867-70) war er von 1873-79 als freier Schriftsteller in Berlin tätig. In dieser Eigenschaft schrieb er unter den Pseudonymen Gregor Samarow, Detlev von Geyern, Walter Morgan, Kurt von Walfeld und Leo Warren. Sein Lebenswerk umfasst Um Szepter und Kronen (1872-76), Die Römerfahrt der Epigonen (1871), sowie den Roman Am Belt (1889).

Für Studentenhistoriker besonders interessant ist de unter dem nom de plume Samarow geschriebene Studentenroman Die Saxo-Borussen, zuerst erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart im Jahre 1885.

Bereits in den ersten zwanzig Seiten dieses im Revolutionsjahr 1848 spielenden Studentenromans begegnen wir einem “schlanken jungen Mann mit frischem, noch kindlichem, aber fast hochmütig herausforderndem Gesicht” (S. 19). Vorgestellt wird er als “Herr von Souza, der von Brasilien herübergekommen ist, um unsre Farben zu tragen und den Beweis zu liefern, dass der Geist der deutschen Corps über alle Nationen seine Herrschaft ausbreitet und bis weit über das Meer hin alle edlen Herzen erobert.”

Meding-Samarow beschreibt “de Souza” – die spätere Nennung seiner Vornamen Luiz und Antonio (S. 54) verweist eindeutig auf den Visconde da Silva – als gross und schlank:

“Seine geschmeidige Gestalt schien nur aus Sehnen und Nerven zusammengesetzt , sein regelmässig schönes Gesicht zeigt in seinem gelblichen Teint, seinen dunkel glühenden, etwas schwermütig blickenden Augen und in den über die Stirn herabfallenden schwarzen Locken den Typus des Südländers; ein anmutiges Lächeln seines Mundes milderte den fast absstoßend sstolzen Ausdruck, der auf seinen Zügen lag – man hätte glauben können, einen jener alten Kastilianer vor sich zu sehen, die mit dem Cid Campeador ins Feld zogen und unter deren kalt-feierlicher Würde sich so viel glühende Leidenschaft verbarg. Ein Schlägerhieb hatte sein Gesicht getroffen, eine starke Narbe life über einen Teil der Wange, und seine feingebogene Adlernase war an der Spitze gespalten gewesen und nicht ganz glücklich wieder geheilt; diese Narbe aber, so sichtbar sie war, entstellte sein Gesicht nicht, sondern gab ihm vielmehr einen gewissen eigenthümlichen Reiz, wie dies häufig der Fall bei einem Schönheitssfehler ist, der den Blick anzieht und durch die leichte Störung die anmutige Harmonie des Ganzen noch mehr hervortreten lässt.” (S. 20)

De Souza stellt im weiteren Verlauf des Romans eine Nebenfigur dar, charakterisiert durch eine heute als etwas dick aufgetragen erscheinende Melancholie und Leidenschaftlichkeit. Seine Abreise nach Brasilien und das Auseinandergehen der Corpsbrüder nach Studentenscherzchen, Bällen, Mensuren und Revolutionswirren beschließt den Roman.

Es scheint erlaubt zu argumentieren, dass wir es bei den vorliegenden Korbschlägern mit Waffen zu tun haben, die von eindeutig belegbaren Saxo-Borussen dediziert wurden, die zudem Eingang als literarische Charaktere in die studentische Literatur des 19. Jahrhunderts fanden.

Für den Sammler studentischer Waffen stellt dieser Fund natürlich eine doppelte Sensation dar. Vergleichbar wäre nur, Winnetous Silberbüchse auf einem Flohmarkt aufzugabel…

2 responses to “Revolutionärer Fund: Ein Paar Schläger mit literarischem Hintergrund

  1. Sehr geehrter Herr Amberger,
    habe letztes Jahr einen Schläger 1859 Guestfalia Heidelberg erworben – der ebenfalls von Kesselbach erzeut ist und allerdings mit starken Verwendungsspuren erhalten ist.

    Kann sich mit Ihrer Erwerbung nicht messen- bei Interesse übermittle ich Fotos und Gravurtext

  2. fencingclassics

    Gerne poste ich hier ein paar Bilder von Vergleichsstücken… studentisches Altmetall ist hier immer willkommen!

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